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Posts Tagged ‘Sprache’

Wie Ihr seht, liebe ich auch Dialekte …und Platt ganz besonders. 🙂
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.Der Hase und der Igel.  (Plattdeutsch) 


Disse Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aver wahr is se doch, denn mien Grootvader, van den ick se hew, plegg jümmer, wenn he se mie vortüerde (mit Behaglichkeit vortrug), dabi to seggen „wahr mutt se doch sien, mien Söhn, anners kunn man se jo nich vertellen.“ De Geschicht hett sick aver so todragen.
Et wöor an enen Sündagmorgen tor Harvesttied, jüst as de Bookweeten bloihde: de Sünn wöor hellig upgaen am Hewen, de Morgenwind güng varen över de Stoppeln, de Larken süngen inn’r Lucht, de Immen sumsten in den Bookweeten, un de Lühde güngen in ehren Sündagsstaht nah’r Karken, un alle Creatur wöor vergnögt, un de Swinegel ook.
De Swinegel aver stünd vör siener Döhr, hett de Arm ünnerflagen, keek dabi in den Morgenwind hinut, un quinkeleerde en lütjet Leedken vör sick hin, so good un so slecht as nu eben am leven Sündagmorgen en Swinegel to singen pleggt. Indem he nu noch so half liese vör sick hin sung, füll em up eenmal in he künn ook wol, mittlerwiel sien Fro de Kinner wüsch un antröcke, en beeten in’t Feld spazeeren, un tosehn wie sien Stähkröwen stünden. De Stähkröwen wöoren aver de nöcksten bi sienem Huuse, un he pleggte mit siener Familie davon to eten, darüm sahg he se as de sienigen an. Gesagt gedahn. De Swinegel makte de Huusdöor achter sick to, un slög den Weg nah’n Felde in. He wöor noch nich gans wiet von Huuse, un wull jüst um den Stähbusch (kleines Gebüsch), de dar vör’m Felde liggt, nah den Stähkröwenacker hinup dreien, as em de Haas bemött, de in ähnlichen Geschäften uutgahn wöor, nämlich um sienen Kohl to besehn. As de Swinegel den Haasen ansichtig wöor, so böhd he em en fründlichen go’n Morgen.
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De Haas aver, de up siene Wies en vornehmer Herr was, un grausahm hochfahrtig dabi, antwoorde nicks up den Swinegel sienen Gruß, sondern seggte tom Swinegel, wobi he en gewaltig höhnische Miene annöhm, „wie kummt et denn, dat du hier all bi so frohem Morgen im Felde rumlöppst?“ „Ick gah spazeeren“ segt de Swinegel. „Spazeeren?“ lachde de Haas, „mi ducht du kunst de Been ook wol to betern Dingen gebruuken.“ Disse Antword verdröot den Swinegel ungeheuer, denn alles kunn he verdreegen, aver up siene Been laet he nicks komen, eben weil se von Natuhr scheef wöoren. „Du bildst di wol in,“ seggt nu de Swinegel tom Haasen, „as wenn du mit diene Been mehr utrichten kannst?“ „Dat denk ick“ seggt de Haas. „Dat kummt up’n Versöok an,“ meent de Swinegel, „ick pareer, wenn wie in de Wett loopt, ick loop di vörbi.“ „Dat is tu’m Lachen, du mit diene scheefen Been,“ seggt de Haas, „aver mienetwegen mach’t sien, wenn du so övergroote Lust hest. Wat gilt de Wett?“ „En goldne Lujedor un’n Buddel Branwien“ seggt de Swinegel. „Angenahmen,“ spröok de Haas, „sla in, un denn kann’t gliek los gahn.“ „Nä, so groote Ihl hett et nich,“ meen de Swinegel, „ick bünn noch gans nüchdern; eerst will ick to Huus gahn un en beeten fröhstücken: inner halwen Stünd bün ick wedder hier upp’n Platz.“
Damit güng de Swinegel, denn de Haas wöor et tofreeden. Ünnerweges dachde de Swinegel bi sick „de Haas verlett sick up siene langen Been, aver ick will em wol kriegen. He is zwar ehn förnehm Herr, aver doch man’n dummen Keerl, un betahlen sall he doch.“ As nu de Swinegel to Huuse anköom, spröok he to sien Fro „Fro, treck di gau an, du must mit mi nah’n Felde hinuut.“ „Watt givt et denn?“ seggt sien Fro. „Ick hew mit’n Haasen wett’t üm’n golden Lujedor un’n Buddel Branwien, ick will mit em inn Wett loopen, un da salst du mit dabi sien.“ „O mein Gott, Mann,“ füng nu den Swinegel sien Fro an to schreen, „büst du nich klook, hest du denn ganz den Verstand verlaaren? Wie kannst du mit den Haasen in de Wett loopen wollen?“ „Holt dat Muul, Wief,“ seggt de Swinegel, „dat is mien Saak. Resonehr nich in Männergeschäfte. Marsch, treck di an, un denn kumm mit.“ Wat sull den Swinegel sien Fro maken? se mußt wol folgen, se mugg nu wollen oder nich.
As se nu mit enander ünnerwegs wöoren, spröok de Swinegel to sien Fro „nu pass up, wat ick seggen will. Sühst du, up den langen Acker dar wüll wi unsen Wettloop maken. De Haas löppt nemlich in der eenen Föhr un ick inner andern, un von baben fang wi an to loopen. Nu hast du wieder nicks to dohn as du stellst di hier unnen in de Föhr, un wenn de Haas up di andere Siet ankummt, so röppst du em entgegen „ick bün all hier.“
Damit wöoren se bi den Acker anlangt, de Swinegel wiesde siener Fro ehren Platz an, un gung nu den Acker hinup. As he baben anköm, wöor de Haas all da. „Kann et losgahn?“ seggt de Haas. „Ja wol“ seggt de Swinegel. „Denn man to!“ Un damit stellde jeder sick in siene Föhr. De Haas tellde „hahl een, hahl twee, hahl dree,“ un los güng he wie en Stormwind den Acker hindahl. De Swinegel aver löp ungefähr man dree Schritt, dann dahkde he sick dahl in de Föhr, un bleev ruhig sitten.
As nu de Haas in vullen Loopen ünnen am Acker anköm, röp em den Swinegel sien Fro entgegen „ick bün all hier.“

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De Haas stutzd un verwunderde sick nich wenig: he menede nich anders als et wöor de Swinegel sülvst, de em dat toröp, denn bekanntlich süht den Swinegel sien Fro jüst so uut wie ehr Mann.
De Haas aver meende „datt geiht nich to mit rechten Dingen.“ He röp „nochmal geloopen, wedder üm!“ Un fort güng he wedder wie en Stormwind, datt em de Ohren am Koppe flögen. Den Swinegel sien Fro aver blev ruhig up ehren Platze. As nu de Haas baben anköm, röp em de Swinegel entgegen „ick bün all hier.“ De Haas aver ganz uuter sick vör Ihwer schreede „noch mal gelopen, wedder üm!“ „Mi nich to schlimm,“ antwoorde de Swinegel, „mienetwegen so oft as du Lust hast.“ So löp de Haas noch dree un söbentig mal, un de Swinegel höhl et ümmer mit em uut. Jedesmal, wenn de Haas ünnen oder baben anköm, seggten de Swinegel oder sien Fro „ick bün all hier.“
Tum veer un söbentigsten mal aver köm de Haas nich mehr to ende. Midden am Acker stört he tor Eerde, datt Blohd flög em uutn Halse, un he bleev doot upn Platze. De Swinegel aver nöhm siene gewunnene Lujedor un den Buddel Branwien, röp siene Fro uut der Föhr aff, un beide güngen vergnögt mit enanner nah Huus, un wenn se nich storben sünd, lewt se noch.
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Bilder: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel
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So begev et sick, datt up der Buxtehuder Heid de Swinegel den Haasen dodt lopen hatt, un sied jener Tied hatt et sick keen Haas wedder infallen laten mit’n Buxtehuder Swinegel in de Wett to lopen.
De Lehre aver uut disser Geschicht ist erstens, datt keener, un wenn he sick ook noch so förnehm dücht, sick sall bikommen laten, övern geringen Mann sick lustig to maken, un wöort ook man’n Swinegel. Un tweetens datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick ’ne Fro uut sienem Stande nimmt, un de jüst so uutsüht as he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn datt siene Fro ook en Swinegel is, un so wieder.
Wilhelm Schröder 1808 -1878
http://de.wikisource.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel_%281843%29 

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Auf dem Weg zum Markt kamen mir gestern zwei Mädchen entgegen. Ich hörte, wie die eine sagte: 
„Tot, toter, am totesten“.
Kurzes Schweigen, dann die andere:
„Ja aber… Also, die Hecke hier ist grün und diese da hat viel weniger gelbe Blätter, die ist noch grüner, aber schau, dort hinten ist eine, die ist voll grün, die ist am grünsten.“ …
Ich musste schmunzeln. Schon waren sie vorüber. Schade, ich hätte ihnen gern noch länger beim Steigern zugehört. 

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Heute hatte ich mal wieder Lust auf Märchen und dieses Lügenmärchen aus Norwegen ist lustig. 😉
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Die Lügenprobe 

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die konnte so gewaltig lügen, daß Keiner es darin mit ihr aufnehmen konnte. Da ließ der König bekannt machen, daß Der, welcher so lügen könne, daß die Prinzessinn Nichts mehr dagegen zu lügen wüßte, sie und das halbe Reich haben sollte. Es kamen darauf Viele an den Hof und machten den Versuch; denn Alle wollten gern die Prinzessinn und das halbe Reich haben; aber sie kamen alle schlecht davon. Nun waren aber auch drei Brüder, und die wollten ebenfalls ihr Glück versuchen. Zuerst kamen die beiden ältesten; aber es ging ihnen nicht besser, als all den Übrigen. Zuletzt machte Aschenbrödel sich auf, und als er ankam, traf er die Prinzessinn im Stall. »Guten Tag!« sagte er. »Schönen Dank«, sagte sie: »Ihr habt doch nicht einen so großen Stall, als wir; denn wenn der Hirt an dem einen Ende steht und auf dem Bockshorn bläst, kann man’s nicht hören am andern Ende.« – »Das ist auch was Rechtes!« sagte Aschenbrödel: »unsrer ist weit größer; denn wenn eine Kuh an dem einen Ende trächtig wird, kalbt sie erst an dem andern.« – »Haha!« sagte die Prinzessinn: »Aber Ihr habt doch nicht einen so großen Ochsen, als wir; denn wenn auf jedem Horn Einer sitzt mit einer Meßstange, so können sie doch einander nicht ablangen.« – »Da kommst Du schön an!« sagte Aschenbrödel: »Wir haben einen Ochsen, der ist so groß, daß wenn Einer auf jedem Horn sitzt und auf dem Haberrohr bläst, sie einander doch nicht hören können.« – »Na so!« sagte die Prinzessin: »Aber Ihr habt doch nicht so viel Milch, als wir; denn wir melken unsre Milch in große Eimer und tragen sie in große Kessel hinein und machen Käse, so groß wie Tonnen.« – »Und wir«, sagte Aschenbrödel: »wir melken unsre Milch in große Küben und fahren sie mit dem Wagen ins Haus und gießen sie in große Braupfannen und machen Käse, so groß wie Häuser; und dann haben wir ein buntscheckiges Mutterpferd, das den Käse zusammentritt; einmal aber fohlte es in dem Käse, und als wir sieben Jahr davon gegessen hatten, trafen wir auf ein großes buntscheckiges Pferd; mit dem sollte ich mal nach der Mühle fahren, aber da brach ihm eine Rippe entzwei; nun wußte ich keinen andern Rath, sondern nahm eine Tanne und setzte sie ihm ein statt der Rippe, und eine andre Rippe hat’s nachher nicht gehabt, so lange wir es hatten. Nun schoß aber die Tanne auf und wuchs aus dem Rücken heraus und ward so groß, daß ich daran zum Himmel hinaufklettern konnte. Da kam ich zu der Jungfrau Maria, die saß da und spann Borstenstricke von Mehlbrei. Wie ich nun da stand und zusah, brach unten die Tanne ab, und nun konnte ich nicht wieder herunter; aber die Jungfrau Maria ließ mich an einem der Stricke hinabgleiten, und da kam ich in einem Fuchsloch an; da saßen meine Mutter und Dein Vater und flickten Schuh; aber eh‘ ich’s mir versah, schlug meine Mutter Deinen Vater, daß ihm die Perrücke vom Kopf flog.« – »Das lügst Du«, sagte die Prinzessinn: »denn das hat mein Vater nie gethan.«

Quelle: http://www.zeno.org/ –  P.Asbjørnsen und Jørgen Moe: Norwegische Volksmärchen

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Was denken sich Texter wohl bei solchen Zeilen? Ob sie überhaupt denken oder Sprache einfach nur sprudeln lassen? Diese Zeile – bitteschön – muss ich die verstehen:
„***Mail gibt es ab sofort auch als App für Ihre Hosentasche!“ ?

Meine Hosentasche ein Postfach?
Wie toll ist das denn! Wenn ich nur wüsste, wo es die gibt? Auf der Stelle liefe ich los und holte mir eine!

Hm… vielleicht doch besser nicht. Wie sieht denn das aus, wenn ich mit meiner Hosentasche kommuniziere?
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Da habe ich doch tatsächlich ein mir unbekanntes Märchen von Hans Christian Andersen aufgesammelt und das vor meiner Haustür. Na ja, nicht ganz, ein paar Schritte Richtung Norden musste ich schon tun, um mehr über das Lumpenleben zu erfahren.   🙂

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Die Lumpen 

Draußen vor der Fabrik standen in Haufen hoch aufgestapelte große Lumpenbündel, die von weit und breit gesammelt waren; jeder Lump hatte seine Geschichte, jeder führte seine Rede, aber man kann sie nicht alle zugleich hören. Einige Lumpen waren inländisch, andere waren aus fremden Landen. Hier lag nun ein dänischer Lump gleich neben einem norwegischen Lumpen; urdänisch war der eine, und stocknorwegisch war der andere, und das war das Komische an den beiden, wird jeder vernünftige Norweger und jeder vernünftige Däne sagen.

Sie erkannten nun einander an der Sprache, obgleich jede von ihnen, sagte der Norweger, so verschieden war wie Französisch und Hebräisch. „Wir gehen zur Quelle, um es ungefälscht und ursprünglich zu haben, und der Däne macht sich seine suzelsüße Quatschsprache.“

Die Lumpen redeten, und Lump ist Lump in jedem Lande, sie haben nur Geltung im Lumpenbündel.

„Ich bin norwegisch!“ sagte der Norweger. „Und wenn ich sage, daß ich norwegisch bin, so glaube ich, genug gesagt zu haben! Ich bin fest von Gewebe wie die Urberge im alten Norwegen, dem Land, das eine Verfassung hat wie das freie Amerika! Es kitzelt mich in allen Fasern, zu denken, was ich bin, und den Gedanken mit Erzdröhnen in Granitworten erklingen zu lassen!“

„Aber wir haben eine Literatur!“ sagte der dänische Lump. „Verstehen Sie, was das ist?“

„Verstehen!“ wiederholte der Norweger. „Flachlandsbewohner, soll ich ihn zum Berg erheben und ihm mit Nordlichtern heimleuchten, Lapp, der er ist! Wenn das Eis vor der norwegischen Sonne taut, dann kommen dänische Lastbote zu uns hinauf mit Butter und Käse, recht eßbaren Waren! Und da kommt als Ballast dänische Literatur mit. Wir brauchen sie nicht! Man entbehrt gerne abgestandenes Bier da, wo die frische Quelle sprudelt, und hier ist es ein Brunnen, der nicht gebohrt ist, nicht zu europäischer Kenntnis geschwatzt durch Zeitungen, Cliquenwesen und Verfasserreisen in das Ausland. Frei rede ich von der Leber weg, und der Däne muß sich an die freien Tage gewöhnen, und das will er in seinem skandinavischen Anklammern an unser stolzes Felsenland, den Urstamm der Welt!“

„So konnte nun niemals ein dänischer Lump reden! sagte der Däne. „Das ist nicht unsere Natur. Ich kenne mich selbst, und wie ich sind alle unsere Lumpen; wir sind so gutmütig, so bescheiden, wir glauben so wenig an uns selbst, und damit gewinnt man freilich nichts, aber ich kann das so gut leiden, ich finde es so reizend. Übrigens, das kann ich Ihnen versichern, kenne ich vollständig meine eigenen Qualitäten, aber ich spreche nicht davon, eines solchen Fehlers soll mich keiner beschuldigen können. Ich bin weich und biegsam, ertrage alles, beneide keinen, spreche gut von allen, ungeachtet nicht viel Gutes von den meisten anderen zu sagen ist, aber laß sie dabei! Ich habe nur immer ein Lächeln dafür, denn ich bin so begabt!“

„Sprechen Sie nicht diese weiche Flachlands-Kleister-Sprache zu mir, mich ekelt davor!“ sagte der Norweger und löste sich im Winde aus dem Bündel und kam in ein anderes hinüber.

Papier wurden sie alle beide, und der Zufall wollte, daß der norwegische Lump ein Papier wurde, auf dem ein Nordländer einen treusinnigen Liebesbrief an ein dänisches Mädchen schrieb, und der dänische Lump wurde das Manuskript einer dänischen Ode zum Preis von Norwegens Herrlichkeit.l

Es kann auch etwas Gutes aus den Lumpen werden, wenn sie erst aus dem Lumpenbündel heraus sind und die Verwandlung geschehen ist zu Wahrheit und Schönheit, die in gutem Verstehen leuchten, und in diesem liegt der Segen.
Das ist die Geschichte, sie ist ganz vergnüglich und verletzt niemand außer – den Lumpen. 

Hans Christian Andersen (1805-1875)
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Ich liebe Märchen. Mucksmäuschenstill war ich, wenn meine Mutter erzählte. Auf meinen Bildern wimmelte es damals von Feen und Hexen und großen Schlössern. Seit ich nun im weltweiten Netz stöbere, freue ich mich über jede Geschichte, die ich noch nicht kenne und stelle mir gern Kinder vor, die mit der gleichen Begeisterung heute den Märchen lauschen wie ich damals und …die ihnen hoffentlich kein Computer erzählt!
Diesmal habe ich eine mexikanische Geschichte gefunden:


Wer ist der Weiseste?


Es lebte einmal ein starker und mächtiger und des Zaubers kundiger Häuptling, der hatte zwei Söhne. Und den älteren von den beiden lehrte er, sich in einen Adler verwandeln, den Jüngern aber lehrte er, sich in einen Koyoten zu verwandeln. Und durch seinen Zauber und durch die Kunst seiner Söhne wurde sein Stamm reich und mächtig.

Als der Häuptling aber alt war, erhob sich die Frage, wer von seinen beiden Söhnen einmal sein Nachfolger werden und seinen Platz im Rat der Alten einnehmen solle.
Und nachdem sich die Krieger gesammelt hatten, die den Rat des Stammes ausmachten, ließ man auch die beiden Brüder rufen, um zu prüfen, wer von ihnen beiden weiser sei.
Und einer der Alten fragte:
»Seid ihr bereit, eine Probe eures Scharfsinns und eurer Weisheit abzulegen?«
»Wir sind es.«
»Nun, ihr seid beide weise und in zauberischen Künsten gut ausgebildet. Wem von euch es gelingt, vor dem andern die Welt zu umrunden, der soll als Nachfolger eures Vaters angesehen werden. Verwandelt euch in eure Gestalten, und dann – auf mein Zeichen macht euch auf den Weg!«
»Nun, bei dieser Aufgabe wird mein Bruder im Nachteil sein, denn ich kann mich in die Luft erheben und schneller sein«, sagte der Altere.
»Es wird sich zeigen.«

Die beiden Brüder verwandelten sich also in die Tiere ihres Zeichens, in einen Adler und in einen Koyoten. Und auf ein Zeichen des Alten erhob sich der Adler in die Luft und flog in Richtung Westen davon.
»Nun, was ist mit dir?« fragte der Ratsälteste den Koyoten. » Willst du dich nicht auch auf den Weg machen?«
Aber der Koyote blinzelte nur den Sprecher an, wedelte mit dem Schwanz und legte sich bequem nieder. Niemand sprach mehr. Nach einer Weile erhob sich der Koyote und ging gemächlich um den Kreis der Alten herum, dann legte er sich wieder nieder .
Am nächsten Morgen erschien mit dem Aufgang der Sonne ganz ermattet der Ältere, den kaum mehr seine Flügel trugen, und ließ sich im Kreis der Alten nieder .
»Nun?« rief er triumphierend aus, »bin ich der Erste oder nicht? Und bin ich damit der Weiseste oder nicht?«
»Wir wollen erst deinen Bruder hören«, sagte der Älteste und wandte sich an den Koyoten,
»sag mir, warum hast du dich gar nicht auf den Weg gemacht? Wolltest du damit deine Unterlegenheit gegenüber dem Bruder zugeben?«
Da verwandelte der Koyote sich wieder in einen Menschen und sagte:
»Bin ich nicht einmal um euch herumgegangen?«
» Ja, und. ..?«
»Für einen Krieger ist der Rat der Alten seine Welt.«
Da erhoben sich die Alten und sagten: »Er ist der Weiseste.«
Und so wurde der Jüngere der Nachfolger des Vaters und nicht der Ältere.

Märchen aus Mexiko
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