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Posts Tagged ‘Sagen’

Passend zur Jahreszeit  😉

Der gespenstische Freier auf Hartenstein

Saxonia_Museum_fuer_saechsische_Vaterlandskunde_III_38
http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hartenstein

Auf dem Schlosse Hartenstein, dem Stammschlosse der Schönburge, fand sich einst jeden Tag ein Schattenritter ein. Man nannte ihn Vollmer den Geisterkönig. Er hatte, man weiß nicht wie, die Liebe der schönen Kunigunde von Schönburg, als sie noch Kind war, gewonnen, und dieselbe hatte erklärt, ihn und keinen anderen wolle sie ehelichen. 

So ritt er denn jeden Tag auf unsichtbarem Rosse ins Burgtor ein, zog ersteres, ohne dass jemand es sah, – nur hören konnte man seinen Tritt, – in den Stall und stieg dann selbst unsichtbar, und nur am Schall seines Trittes kenntlich, die Schlosstreppe hinan. Dort kam ihm seine Braut entgegen, der reichte er seine Hand, – das war der einzige fühlbare Teil seines Körpers, weich und glatt aber eiskalt – und nun sprachen und koseten sie zusammen wie zwei Liebende es tun. Dann schritten sie in den Speisesaal, wo ihrer schon der Bruder des Fräuleins harrte, und alle drei setzten sich an Tische und aßen und tranken nach Herzenslust, die dem Schattenritter vorgelegten Speisen und der Wein in seinem Becher verschwanden, und doch sah niemand, wo es hinkam. Man hörte nur des Schattenbräutigams Stimme, und der Graf, dem früher vor seinem geisterhaften Schwager gegraut, fasste immer mehr Neigung zu ihm, denn er hatte an ihm einen steten treuen Berater und Warner bei bevorstehendem Unglück. Wenn das Mahl vorüber war, verließ der Graf die beiden Brautleute, und so saßen sie bis kurz vor ein Uhr, dann nahm der gespenstische Gast eilig Abschied.

So trieb er es viele Jahre, da äußerte einmal das Fräulein, wie sie sich nach einem Kusse von seinem Munde sehne, und siehe, ihr geisterhafter Bräutigam antwortete. „Lebe wohl auf ewig, weil ich an Deine rein geistige Liebe glaubte, verließ ich mein himmlisches Reich, um bei dir zu sein, jetzt wo du an irdische Liebe denkst, ist mein Bleiben nicht mehr hier, du siehst mich nie wieder!“ Damit verschwand er und nie hat das Fräulein wieder seine Nähe empfunden.

(Johann Georg Theodor Gräße, Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Band 1, Dresden 1874, S.494-495)  http://www.zeno.org/nid/20004931343
http://hov.isgv.de/Hartenstein

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Will eine Jungfer ihren zukünftigen Bräutigam sehen, so muss sie um Mitternacht
vor Neujahr rückwärts in der Küchentür stehen und sprechen:

Gott grüß dich Abendstern,
Du scheinst so hell von fern,
Über Osten, über Westen,
Über alle Kreiennesten.
Ist einer zu mein Liebchen geboren,
Ist einer zu mein Liebchen erkoren,
Der komm, als er geht,
Als er steht,
In sein täglich Kleid.
Karl Müllenhoff (1818-1884): Sprüche und Segen – 37. Liebessegen
http://www.zeno.org/nid/20005412307

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Europastadt und die östlichste Stadt Deutschlands ist eine wunderschöne Stadt an der Neiße, die im zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde und die wir schon in einigen Filmen bewundern durften, wie zum Beispiel in dem 2002 gedrehten Film „In 80 Tagen um die Welt“ als Paris des 19. Jahrhunderts oder in dem Film „Der Vorleser“ als Heidelberg des Jahres 1950. 
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6rlitz
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„Ein junger Handwerksbursche, der gerade auf der Wanderschaft unterwegs war, kam an einem Spätnachmittag zum Stadttore hinein. Die Tür zur Klosterkirche am Obermarkt stand offen, und weil es gerade zur Abendmesse läutete, trat der Wanderer mit ein. Vom weiten Weg müde, lehnte er den Kopf an eine Bank und schlummerte unversehens ein. Er fiel niemand auf, und nicht einmal der Pförtner bemerkte ihn mehr, als er die Tür abschloss. …“ 
so beginnt „Die Sage vom Kötzelmönch“ aus Görlitz. 
http://www.goerlitz.de/de/stadtleben/stadtgeschichte/sagen/die-sage-vom-kloetzelmoench.html

Diese schöne, so gut erhaltene alte Stadt möchte man am liebsten sofort besuchen. Jedenfalls mir geht es so. Allerdings dann doch lieber auf unsere moderne Art per Auto oder Zug und nicht auf Schusters Rappen wie der junge Handwerksbursche und ich denke, auch nicht so, wie Gustav Freytag (1816-1895) das Reisen im 18. Jahrhundert in seinem „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“ beschreibt und es eigentlich ja dem Alter Görlitz’ angemessen wäre. 

…“Unter den Tagesereignissen ist das interessanteste Ankunft und Abfahrt des Postwagens. Gern bewegt sich der Spaziergänger um diese Zeit in der Nähe der Post. Die gewöhnliche Landpost ist ein sehr langsames, unbehilfliches Beförderungsmittel, ihr Schneckengang ist noch fünfzig Jahre später berüchtigt; Kunststraßen gibt es nirgends in Deutschland, erst nach dem Siebenjährigen Krieg werden die ersten Chausseen gebaut, auch diese schlecht. Wer bequem reisen will, nimmt Extrapost; sorgfältig wird darauf gehalten, zu größerer Geldersparnis alle Plätze zu besetzen, und in den Lokalblättern, welche seit kurzer Zeit in den meisten größeren Städten und Residenzen existieren, wird zuweilen ein Reisegefährte gesucht. Zu weiten Reisen werden eigens Wagen gekauft, am Ende der Reise wieder verkauft; die schlechten Wege geben den Posthaltern das Recht, auch einem leichten Wagen vier Pferde vorzuspannen, dann ist es wohl eine Bevorzugung des Reisenden, wenn ihm von der Regierung eine Lizenz gegeben wird, nur zwei Pferde Extrapost nehmen zu dürfen. Wer nicht so wohlhabend ist, sucht einen Retourwagen, solche Reisegelegenheiten werden mehrere Tage vorher angekündigt. Ist zwischen zwei Orten starke Verbindung, so gehen außer der ordinären Post und einer schnelleren Postkutsche auch konzessionierte Landkutschen an bestimmten Tagen. Sie vorzugsweise vermitteln den Personenverkehr des Volkes. Von Dresden nach Berlin im Jahre 1750 alle vierzehn Tage, nach Altenburg, Chemnitz, Freiberg, Zwickau einmal wöchentlich; nach Bautzen und Görlitz war die Zahl der Passagiere nicht so sicher, daß der Kutscher jede Woche an bestimmtem Tag abgehen konnte; nach Meißen gingen das grüne und das rote Marktschiff, jedes einmal wöchentlich hin und zurück. Man reiste auch mit der besten Fuhre sehr langsam. Fünf Meilen den Tag, zwei Stunden die Meile scheint der gewöhnliche Fortschritt gewesen zu sein. Eine Entfernung von zwanzig Meilen war zu Wagen nicht unter drei Tagen zu durchmessen, in der Regel wurden vier dazu gebraucht. Als im Juli des Jahres, welches hier geschildert wird, Klopstock mit Gleim in leichtem Wagen durch vier Pferde gezogen, von Halberstadt nach Magdeburg sechs Meilen in sechs Stunden fuhr, fand er die Schnelligkeit so außerordentlich, daß er sie mit dem Wettlauf der olympischen Spiele verglich. Waren aber die Landstraßen gerade schlecht, was in der Regenzeit des Frühlings und Herbstes regelmäßig eintrat, so vermied man die Reise, betrachtete die unvermeidliche als ein Wagnis, bei dem es ohne schmerzliche Abenteuer selten abging. Im Jahre 1764 war den Hannoveranern merkwürdig, daß ihre Gesandtschaft zur Kaiserkrönung trotz der schlechten Wege ohne allen Schaden, Umwerfen und Beinbruch, nach Frankfurt a. M. durchgedrungen war, nur eine Achse war zerbrochen. – So ist die Reise ein wohl zu überlegendes Unternehmen, welches schwerlich ohne längere Vorbereitungen durchgeführt wird; und das Eintreffen fremder Reisender in einer Stadt ist ein Tagesereignis; neugierig umsteht die Menge den anhaltenden Wagen. Nur in den größeren Handelsstädten sind die Gasthöfe modisch eingerichtet, Leipzig ist deswegen berühmt. Gern kehrte man bei Bekannten ein, in steter Rücksicht auf die Kosten, denn auch wer reiste, der rechnete genau. Aber wer irgend Ansprüche machte, scheute eine Fußreise, die Unsicherheit, unsaubere Herbergen und rohe Begegnung; noch waren wohlgekleidete Fußreisende, welche die Landschaft bewunderten, ganz unerhört.“…  http://gutenberg.spiegel.de/buch/3712/48

Übrigens… der Kabarettist Werner Finck (1902-1978) war Görlitzer:

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Jaguar und Regen

Es war einmal ein Haus, in dem es nachts sehr heiß und rauchig war, wenn die Leute ein großes Feuer im Haus angezündet hatten. Deshalb gingen die Leute vor das Haus, banden dort ihre Hängematten an und schliefen draußen.

Nicht weit vom Hause war ein Jaguar. Der Regen begegnete ihm und sagte: „O Schwager, was machst du da?“ Er antwortete: „Ich mache den Leuten angst, die dort vor dem Hause sind, damit sie wieder ins Haus gehen.“ Da sagte der Regen: „Die Leute haben keine Angst vor dir, Schwager!“ Da sagte der Jaguar: „Doch, sie haben Angst! Willst du es sehen? Ich werde singen rund um das Haus. Gehe hin und höre zu, was die Leute sagen !“

Der Regen ging hin und setzte sich nahe bei den Leuten nieder und horchte, was sie sagen würden. Da sang der Jaguar: „Hö-hö-hö-hö-hö!“ Die Leute sagten: „Ah, das ist ein Fell für meine Jagdtasche !“ Da sang der Jaguar wieder: „Hö-hö-hö!“ Der Regen horchte. Die Leute sagten: „Wir wollen morgen den Jaguar mit Pfeilen schießen!“

Der Regen ging weg und begegnete dem Jaguar. Der Jaguar fragte ihn: „Was haben sie gesagt, Schwager?“ Der Regen antwortete: „Nichts! Sie haben nichts gesagt!“ Da sagte der Jaguar: „Sie hatten wohl Angst, Schwager?!“ Der Regen antwortete. „Nein! Sie hatten keine Angst! Weißt du, was sie sagten? Sie sagten: „Ah, das ist ein Fell für meine Jagdtasche!“ Sie sagten, sie würden kommen und dich mit Pfeilen schießen. Sie haben keine Angst vor dir!“

Da sagte der Regen: „Vor mir, ja! Vor mir haben sie Angst!“ Der Jaguar erwiderte: „Nein! Sie haben keine Angst vor dir!“ Darauf sagte der Regen: „Doch! Willst du es sehen? Ich will mich bewaffnen, damit du nicht sagen kannst, sie hätten keine Angst vor mir!“ Der Regen ging, sich zu bewaffnen, und befahl dem Jaguar: „Jetzt gehe du hin, um zu horchen, Schwager!“

Der Jaguar ging in die Nähe der Leute und setzte sich nieder. Der Regen bewaffnete sich, und es wurde ganz dunkel. Es kam ein starker Wind. Da riefen die Leute: „Dort kommt Regen!“ Der Regen kam näher, und es fing an stark zu regnen. Da banden die Leute ihre Hängematten los und liefen ins Haus. Der Jaguar bekam den Regen. Da begegnete der Regen dem Jaguar und sagte: „Hast du es gesehen, Schwager? Sie haben Angst vor  m i r, vor  d i r  nicht!“

So ist es noch heute. Wir haben Angst vor dem Regen, aber nicht vor dem Jaguar. Das sagen die Indianer, denn sie haben mir das Märchen erzählt.

Mythe der Taulipang (Hochland von Guyana), Koch-Grünberg 1921: 137-138.
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