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Posts Tagged ‘Literatur’

Ich lese ihn zu gern. Heute habe ich unter Peter Panter diese herrliche Gebrauchsanweisung gefunden:

Peter Panter
– „Gebrauchsanweisung“
Vossische Zeitung, 10.10.1930, Nr. 478.

Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muß sie allein machen. Jeder muß wieder von vorn anfangen … Nun fängt ja keiner ganz von vorn an, weil in jedem Menschen vielerlei Erfahrungen aufgestapelt sind: zwei Großväter,
vier Urgroßväter, achtzehn alte Onkel, dreiundzwanzig Tanten, Ur-Ur-Ur-Ur-Ahnen … das trägst du alles mit dir herum. Und manchmal, wenn du grade einen Entschluß faßt, dann entscheidet in Wahrheit dein im Jahre 1710 gestorbener Ur-Ur-Ur-Ur… Adolf Friedrich Wilhelm Panter, geb. 1675 in Bückeburg – der entscheidet, was du tust. Du gehst nachher herum und sagst: »Ich habe mich entschlossen…«

Erfahrungen vererben sich selten. Die katholische Kirche hat da so eine Art Erfahrungsschatz aufgespeichert, den sie ihren Adepten, mehr oder minder symbolisch, abgibt – sie profitiert sehr davon. Man kann da viel lernen, wenn man da etwas lernen kann. Aber zum Beispiel bei der Erziehung…

Da haben unsre Väter gesagt: »Hör auf mich – ich bin ein alter erfahrener Mann …« Nun, wir haben nicht gehört. Ob zum Schaden oder zum Nutzen,
ist eine andre Sache – aber gehört haben wir nicht. Jeder will sich seinen Schnupfen allein holen.

Das kann ihm aber auch keiner verdenken. Es gibt so wenig gute Anleitungen … Da haben wir nun Bücher, wie man das Autofahren lernt,
wie man Bienen züchtet und Küchenpetersilie zieht; wie man sich zum Gewerbeschullehrer-Examen vorbereitet… für alles das gibt es sehr brauchbare und handliche Werke. Nur, wie man sich mit seinen Mitmenschen am besten verhält – da gibt es weniger brauchbare Bücher.

Es gibt ganze Waschkörbe voll – aber das Zeug ist meist nicht zu brauchen. Diese Bücher moralisieren; sie sagen, wie es sein sollte – nicht: wie es
wirklich ist. Das ist sehr schade – hier fehlt etwas.

Die deutsche Literatur ist in diesem Punkt merkwürdig schwach. Oder kenne ich diese verborgenen Schätze nicht…? Ich lasse mich gern belehren. Im Französischen gibt es da sehr schöne Sachen – besonders aber im Englischen, das sind ja Leute von großer praktischer Lebensweisheit. Wir haben viel Theoretisches, sehr viel Moralistisches – aber wenig gute klare und kurze Kompendien darüber, wie es so im menschlichen Leben ist.

Da liegt nun so ein Neugeborenes … Ja, wie soll denn das arme Wesen wissen, wie es sich hienieden verhalten soll, wenn man ihm nicht einen Fahrplan in die Hand gibt -? Sagen Sie selbst.

Und dabei gäbe es doch so viel, so unendlich viel Einfaches zu sagen. Und zwar lauter Sachen, die für eine mittlere Ewigkeit hinreichen – denn die Natur des Menschen ändert sich nicht, nur ihre Formen ändern sich. In Balthasar Gracians Handorakel (vom alten Schopenhauer übersetzt) stehen so einige Dinge – wenn man die beherzigt, kommt man schon ein ganz gutes Stück weiter.

Warum schreibt zum Beispiel nicht einmal ein alter gebauter Fuchs, dessen Fell das Leben gegerbt hat, was man alles mit dem Menschen nicht tun darf! Wie verletzlich sie sind; wie man sie niemals necken soll; wie man immer
so tun muß, als höre man zu (Zuhörenkönnen ist überhaupt die halbe Lebensweisheit) – keiner schreibt einem das auf. Und da machen denn
die Leute einen Haufen Dummheiten und wundern sich, daß sie nicht Regierungsrat werden, und wenn sie alt sind und es bei weitem zu spät ist, dann kommen sie langsam hinter den Dreh und halten ihren Kindern lange Vorträge, wie man es machen müsse, um etwas zu erreichen. Und die guten Kinder denken: »Wenn du so klug bist – warum hastn du dann nicht selber …?« und wenden sich ab und hören nicht zu. Sie wissen das nicht,
daß vom Zuhören …

Keiner schreibt es ihnen auf. So ein Büchlein müßte die konzentrierteste Lebensweisheit enthalten, mit einer Aphorismensammlung hat das gar nichts zu tun, beileibe nicht. Es müßten wirklich so goldene Regeln sein, wie etwa die, die der Weltreisende Richard Katz einmal gegeben hat: »Vor jeder großen Reise sich die Zähne reparieren lassen.« Das ist kein Aphorismus – das ist
eine (schmerzlich) gewonnene Erfahrung. So ein Buch müßte das sein.

»Sagen Sie … Herr Panter … was ich sagen wollte: Warum schreiben Sie denn das nicht?« – »Ich? Als wie ich? Werter Herr… haben Sie schon mal einen Pokerspieler gesehen, der vor dem Spiel und während des Spieles Ihnen genau erzählt, wie er blufft?

Na, also?«

Kurt Tucholsky – 1930

 

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Wer Spaß daran hat, Städte – in diesem Fall Dublin – literarisch zu entdecken, dem lege ich diese drei illustrierten Bändchen (englisch) von AtItAgain! ans Herz:

„Romping through Ulysses

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At it Again! Romping through Ulysses Inside_1

„Romping through Dracula

Romping through Dracula by At it Again! RRP €8 low res  72a

„Romping through Dorian Gray

Romping Through DorianGray by At it Again! RRP €8 low  res 72a

AtItAgain! führt uns mit diesen Heften im praktischenTaschenformat auf unterhaltsame Weise durchs Dublin von James Joyce, Bram Stoker und Oscar Wilde.

Am 1. Februar 2016 erscheint ein weiteres Bändchen  – „Romping through Dubliners“ -, in dem AtItAgain! mit uns durch die 15 Erzählungen „tobt“, in denen James Joyce die Welt des Kleinbürgertums im Dublin der Jahrhundertwende beschreibt.
http://atitagain.ie/exploring-dublin-with-james-joyces-dubliners/

Zur Zeit ist AtItAgain! mit einem Stand auf der Messe „Showcase„, Irlands internationaler Kreativmesse in Dublin (24.-27.Januar 2016), vertreten:
http://www.showcaseireland.com/exhibitors/info/at-it-again

Homepage: http://www.atitagain.ie/
Facebook :  http://www.facebook.com/atitagain/
Twitter:       http://twitter.com/AtitAgainDublin
Etsy:           http://www.etsy.com/de/shop/AtitAgainDublin

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Seit ich vor einiger Zeit auf die Kurzgeschichte „Diagnose Exitus“ stieß, die deutsche Übersetzung von Bierces „A Diagnosis of Death„, hat es mir Ambrose Bierce angetan. Vielleicht entdeckt Ihr ihn ja auch für Euch.

Viel habe ich übrigens über ihn hier erfahren:
Triumph der zynischen Vernunft – Der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce: http://www.tour-literatur.de/Autoren_texte/bierce.htm
Und ich wurde dadurch auch aufmerksam auf diesen Kurzfilm von Robert Enrico:

„La Rivière du Hibou“ (1962)
nach der Erzählung  „Ein Ereignis an der Owl-Creek-Brücke“ von Ambrose Bierce:

„An Occurence at Owl Creek Bridge“ von Ambrose Bierce (engl. Text)

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Zum Schluss noch ein Zitat:
„Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (bzw. östlich) des Morgenlandes liegt. Größtenteils bewohnt von Christen, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen wichtigste Gewerbe Mord und Betrug sind, von ihnen gern ’Krieg’ und ’Handel’ genannt. Dies sind auch die wichtigsten Gewerbe des Morgenlands. “ – The Devil’s Dictionary
zu finden hier.

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Ferdinand Freiligrath hat Robert Burns‘ Gedicht von 1795: „A Man’s  a Man for A‘ That“ zum ersten Mal 1843 unter dem Titel „Trotz alledem“  ins Deutsche übertragen. Die erste Zeile lautete: „Ob Armuth euer Loos auch sei“.  Im Zuge der Märzrevolution folgte 1848 eine zweite Nachdichtung mit diesem Anfang: „Das war ’ne heiße Märzenzeit, trotz Regen, Schnee und alledem“.

Ausführlich wird die Geschichte dieses Robert Burns‘ Liedes und seiner Nachdichtung im Historisch-kritischen Liederlexikon beschrieben.
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Ed Miller berichtet zu Beginn seines Vortrags von der bewegenden Eröffnung des  Schottischen Parlaments am 1. Juli 1999, bei der Sheena Wellington dieses Lied sang:
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Engl. Text:  http://celtic-lyrics.com/lyrics/8.html
Dt. Text (1848):  http://www.volksliederarchiv.de/text2535.html
Neuester dt. Text von Hannes Wader:  http://www.songtextemania.com/trotz_alledem_iii_songtext_hannes_wader.html

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…philosophieren Zhuangzi  und Hui Shi:

Die Philosophen Dschuang Dsi und Hui Dsi gingen einst am Ufer eines Flusses spazieren. Sie sahen dem Spiel der Fische zu. 
Dschuang Dsi sagte: ‚Sieh nur, wie die Forellen dort aus dem Wasser springen. Das ist eine Freude für sie‘. 
Darauf sprach Hui Dsi: ‚Du bist kein Fisch, wie willst Du denn die Freude der Fische kennen?‘  
‚Und wieso kannst Du wissen‘, entgegnete ihm Dschuang Dsi, ‚der Du doch nicht ich bist, dass ich die Freude der Fische nicht kenne?‘

Hui Dsi sprach: ‚Ich bin nicht Du, so kann ich Dich allerdings nicht erkennen. Nun bist Du aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, dass Du nicht die Freude der Fische kennst.‘
Dschuang Dsi sprach: ‚Bitte lass uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Du hast gesagt: Wie kannst Du denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wusstest Du ganz gut, dass ich sie kenne, und fragtest mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß.‘     http://de.wikipedia.org/wiki/Zhuangzi
Na, wenn der Fischer sich da mal nicht täuscht, wenn er meint, dass die Bachforellen zu seiner Begrüßung so fröhlich springen, mir sieht’s mehr nach einem Fluchtversuch aus. 😉


Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Nan Hua Dschen Ging aus dem chinesischen verdeutscht und erläutert (1912)

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Noch ein bisschen mehr von Fischen. Ich mag dieses Video sehr,  auch wenn hier keine Fische springen. 🙂

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  😉

 

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Heute hatte ich mal wieder Lust auf Märchen und dieses Lügenmärchen aus Norwegen ist lustig. 😉
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Die Lügenprobe 

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die konnte so gewaltig lügen, daß Keiner es darin mit ihr aufnehmen konnte. Da ließ der König bekannt machen, daß Der, welcher so lügen könne, daß die Prinzessinn Nichts mehr dagegen zu lügen wüßte, sie und das halbe Reich haben sollte. Es kamen darauf Viele an den Hof und machten den Versuch; denn Alle wollten gern die Prinzessinn und das halbe Reich haben; aber sie kamen alle schlecht davon. Nun waren aber auch drei Brüder, und die wollten ebenfalls ihr Glück versuchen. Zuerst kamen die beiden ältesten; aber es ging ihnen nicht besser, als all den Übrigen. Zuletzt machte Aschenbrödel sich auf, und als er ankam, traf er die Prinzessinn im Stall. »Guten Tag!« sagte er. »Schönen Dank«, sagte sie: »Ihr habt doch nicht einen so großen Stall, als wir; denn wenn der Hirt an dem einen Ende steht und auf dem Bockshorn bläst, kann man’s nicht hören am andern Ende.« – »Das ist auch was Rechtes!« sagte Aschenbrödel: »unsrer ist weit größer; denn wenn eine Kuh an dem einen Ende trächtig wird, kalbt sie erst an dem andern.« – »Haha!« sagte die Prinzessinn: »Aber Ihr habt doch nicht einen so großen Ochsen, als wir; denn wenn auf jedem Horn Einer sitzt mit einer Meßstange, so können sie doch einander nicht ablangen.« – »Da kommst Du schön an!« sagte Aschenbrödel: »Wir haben einen Ochsen, der ist so groß, daß wenn Einer auf jedem Horn sitzt und auf dem Haberrohr bläst, sie einander doch nicht hören können.« – »Na so!« sagte die Prinzessin: »Aber Ihr habt doch nicht so viel Milch, als wir; denn wir melken unsre Milch in große Eimer und tragen sie in große Kessel hinein und machen Käse, so groß wie Tonnen.« – »Und wir«, sagte Aschenbrödel: »wir melken unsre Milch in große Küben und fahren sie mit dem Wagen ins Haus und gießen sie in große Braupfannen und machen Käse, so groß wie Häuser; und dann haben wir ein buntscheckiges Mutterpferd, das den Käse zusammentritt; einmal aber fohlte es in dem Käse, und als wir sieben Jahr davon gegessen hatten, trafen wir auf ein großes buntscheckiges Pferd; mit dem sollte ich mal nach der Mühle fahren, aber da brach ihm eine Rippe entzwei; nun wußte ich keinen andern Rath, sondern nahm eine Tanne und setzte sie ihm ein statt der Rippe, und eine andre Rippe hat’s nachher nicht gehabt, so lange wir es hatten. Nun schoß aber die Tanne auf und wuchs aus dem Rücken heraus und ward so groß, daß ich daran zum Himmel hinaufklettern konnte. Da kam ich zu der Jungfrau Maria, die saß da und spann Borstenstricke von Mehlbrei. Wie ich nun da stand und zusah, brach unten die Tanne ab, und nun konnte ich nicht wieder herunter; aber die Jungfrau Maria ließ mich an einem der Stricke hinabgleiten, und da kam ich in einem Fuchsloch an; da saßen meine Mutter und Dein Vater und flickten Schuh; aber eh‘ ich’s mir versah, schlug meine Mutter Deinen Vater, daß ihm die Perrücke vom Kopf flog.« – »Das lügst Du«, sagte die Prinzessinn: »denn das hat mein Vater nie gethan.«

Quelle: http://www.zeno.org/ –  P.Asbjørnsen und Jørgen Moe: Norwegische Volksmärchen

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Vor 250 wurde Jean Paul am 21.3.1763  in Wunsiedel geboren.

Selberlebensbeschreibung

– Dritte Vorlesung [Schwarzenbach an der Saale]

An einem Winterabende, wo ich meine Prinzessinsteuer von Süßigkeiten schon vorrätig hatte, der gewöhnlich nur die Einnehmerin fehlte, beredete der Pfarrsohn, der unter allen meinen Schulkameraden der schlechteste war, mich zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus, wo die Geliebte mit ihrer armen Mutter oben in einem Eckzimmerchen wohnte, zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. Ob Katharina aber zufällig da war und wieder hinaufging, oder ob sie der Schelm mit seiner Bedientenanlage unter einem Vorwande herunterlockte, auf die Mitte der Treppe; oder kurz wie es dahinkam, daß ich sie auf der Mitte fand: dies ist mir alles nur zu einer träumerischen Erinnerung auseinandergeronnen; denn eine plötzlich aufblitzende Gegenwart verdunkelt dem Erinnern alles was hinter ihr ging. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt‘ ich – der ich in Joditz nie in den Himmel des ersten Kusses kommen konnte, und der nie die geliebte Hand berühren durfte – zum ersten Male ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Weiter wüßt‘ ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und Zukunft-Traum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; – und im Finstern hinter den geschloßnen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab‘ es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche.

[751] Ich kehre wie eine Hellseherin aus dem Himmel auf die Erde zurück und bemerke nur, daß diesem zweiten Weihnachtfest der Ruprecht, da er ihm nicht vorlief, nachlief und ich nach Hause kommend schon unterwegs den Boten fand und zu Hause stark gescholten wurde über mein Auslaufen. Gewöhnlich fällt immer nach zu heißen Silberblicken der Glücksonne ein solcher Schlossen- und Schlackenguß. Was tat es mir? Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?
Jean Paul ~ Johann Paul Friedrich Richter –  21.3.1763 Wunsiedel – 14.11.1825 Bayreuth
http://www.zeno.org/Literatur/M/Jean+Paul/Autobiographisches/Selberlebensbeschreibung/Dritte+Vorlesung 


Passt doch ganz gut zu unserem Osterwetter dieses Jahr!  😉

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